Wir starten von Oslo aus. Eigentlich ist das Ganze ziemlich einfach. Man steigt am Busterminalen in den Bus und bezahlt die Fahrt dort. Allerdings gibt da noch diesen kleinen unscheinbaren Hinweis, man müsse vorher telefonisch reservieren. Die geduldigen Mitarbeiter an der Rezeption des Bristol hatten sich vergeblich für uns bemüht – keiner ging dran – und zwei Mails wg. Reservierung blieben auch unbeantwortet. So hatten wir zwei Tage zuvor einen Bus abgefangen und den Fahrer gefragt. Er versicherte uns es sei kein Problem mitzukommen. Wir haben das mal geglaubt und unbelastet Silvester gefeiert.
Nun ist es 9:30 Uhr ,wir sitzen am zugigen Busterminalen und beobachten das Kommen und Gehen der Passagiere und Busse und testen unsere Kälteresistenz und die Qualität unserer Bekleidung. Eine viertel Stunde später läuft der Bus ein. Es ist tatsächlich kein Problem und wir versenken unser Gepäck im Laderaum unter den Sitzen und wärmen uns im Bus auf. Leider kein Wifi im Bus - fast schon mittelalterliche Verhältnisse für Norwegen... .
Der Bus wackelt los. Es geht durch das Labyrinth des Busterminalen auf die Straßen Richtung Flughafen, über Brücken, Kreisverkehre und durch Tunnels. Wir entdecken noch ein paar lauschige und zugige Haltestellen, wo wir noch hätten zusteigen können. In Oslo ist inzwischen Matsch- und Tauwetter. Die weiße Pracht vom letzten Samstag schmilzt unaufhaltsam dahin. Wir teilen unserem Abholdienst mit, dass der Bus pünktlich ist. Wir sollen in Nybergsund nach einem roten Defender Ausschau halten.
Nach einer dreiviertel Stunde mit Umweg über eine weitere einsame Haltestelle erreichen wir den Flughafen Gaerdemon. Es wird richtig voll und ich überlege, wer von denen auch die Hundeschlittentour gebucht hat. Es sind viele slawisch sprechende dabei. Vor uns breitet sich ein eindeutig deutsches Paar aus. Beide sehen etwas gestresst aus. Er greift zum Trendphone und meldet Ankunft im Bus. Aha – als noch mindestens zwei.
Im Laufe der Fahrt bemerke ich noch zwei weiter jüngere deutsche Männer, von denen einer permanent über Gott, die Welt und angrenzende Themen redet. Leicht rheinische Akzentfärbung. Im allgemeinen Busgeräuschpegel geht das ganze aber unter. Dennoch schnappen meine Ohren aus dieser Richtung den Begriff „Hundeschlitten“ auf – die nächsten beiden.
Es geht über die E6 gen Norden. Das Wetter wird besser: Es kommt Sonnenschein auf. Zwischendurch ist die Autobahn durch eine lange Baustelle unterbrochen. Die Straße folgt einem Gewässer und Schilder verkünden, dass mit 10 – 20 Minütigen Sperren wg. Sprengungen gerechnet werden muss. An der Baustelle wird trotz Winter emsig gearbeitet.
Es folgt ein kurzes Stück Autobahn, dann geht es Richtung Elverum - muss man nicht kennen – wo der Bus einen längeren Aufenthalt haben wird. Es ist strahlend blauer Himmel und der Bus hält an jeder Milch- und Kaffeekanne. Über einen recht verschnörkelten Weg wird dann der Zwischenhalt in Elverum angefahren. Ich vertrete mir etwas die Beine und werfe einen Blick in den Laderaum. Unsere Gepäckstücke haben noch keine Liebhaber gefunden. Dann zockeln wir weiter Richtung Nybergsund. Die Straße wird schmäler. Manchmal bremst ein LKW die Fahrt, manchmal ist er höflich und lässt überholen, und manchmal ist der Busfahrer wagemutig und überholt.
In Nybergsund ist es kalt und trocken, also recht angenehm. Besser als das zugige Schmuddelwetter in Oslo.
Meine Vermutungen war richtig. Das Paar und die beiden Herren steigen ebenfalls aus. Der rote Defender ist nicht zu übersehen. Es ist das einzige Fahrzeug, das auf uns wartet. Der Fahrer ist Schwede und spricht weder englisch noch deutsch. Wir sprechen dafür kein Schwedisch. Die Verständigung klappt trotzdem irgendwie. Er plappert hemmungslos drauf los. Wir laden unser Gepäck auf den Anhänger und zurren eine Plane darüber. Wir werden noch zwei Stunden unterwegs sein - unsere Damen machen sich sicherheitshalber auf die Suche nach einer Toilette. Es gibt hier eine, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet. Wir machen es uns derweil im Defender gemütlich so gut es geht. Der Wagen enthält so ziemlich jedes Offroader Gagdet, was der Daerr Expeditionsausrüster im Programm hat: Außentemperaturanzeige, Neigungsanzeiger für Längs- und Querachse und einen recht beeindruckenden Kompass. Meiner würde wahrscheinlich genauso aussehen. Ich spüre einen Bruder im Geiste.
Inzwischen haben unsere Damen zurückgefunden. Die Meine muss mit dem Beifahrerplatz vorlieb nehmen – es hatte sich keiner getraut. Der Rest hat es sich auf den hinteren Rängen so gemütlich wie möglich gemacht. Der Defender setzt sich in Bewegung und es geht durch verschneite Wälder über vereiste Straßen Richtung Schweden. Nach ca. 20 Minuten stakst ein Elch würdevoll über die Straße. Es sind schon beeindruckende Viecher. Wir rätseln, ob dies Teil unseres gebuchten Paketes ist und ob auf der anderen Seite einer mit der Möhre im Wald steht. In Fond entspinnt sich eine Konversation auf schwedisch-englisch-deutsch. Es erinnert etwas an Jim Jarmusch's „Ghost Dog“.
Auf der Strecke begegnen uns nur wenige Autos, Häuser sind selten und Ortschaften meist klein und schon zu Ende, bevor man sie überhaupt wahrgenommen hat.
Zwischenzeitlich tauschen wir unsere Abfahrterlebnisse aus: Busreservierung war bei allen nicht ganz einfach. Die Linie hatte auch noch Fahrplanwechsel über Neujahr. Das andere Paar hatte mit „Verschlafen“, „Parkhaus voll“ und „Taxi biegt falsch ab“ so ziemlich alles versucht den Flieger zu verpassen. War aber nicht gelungen. Das letzte Problem sind die Barzahlungen vor Ort für Transfer und Leihausrüstung. Die Frage nach dem Geldautomat ist etwas schwierig. Minibank versteht unser Fahrer und antwortet mit etwas wie 30 km und deutet dabei hinter sich. Da wir fast da sind, erübrigen sich Wendemanöver.
Irgendwann geht es von der Straße auf einen Waldweg – der Unterschied ist nicht so ganz offensichtlich – dann auf einen schmäleren Waldweg und dann geht es irgendwann nicht mehr weiter. Wir stehen vor einem roten Holzhaus. Links von uns sind Hundezwinger. Die Hunde sind recht neugierig und aufgeregt, kläffen aber nicht. Sie sind vor allem kräftiger gebaut, als alle was ich bisher an Schlittenhunden gesehen haben.
Hendrik, unser Musher erscheint von irgend woher und begrüßt uns alle mit Handschlag. Er hat einen Pferdeschwanz, der im Kragen seines oliven Overalls der Winterkollektion „Was wärmt, kann nicht hässlich sein“ verschwindet. Er wirkt sehr kompetent und strahlt Vertrauen aus. Wir fühlen uns sofort gut aufgehoben.
Es gibt eine kurze Führung durch die Örtlichkeiten. Als da sind zwei Übernachtungsräume: Einer mit ca. 10 Schlafplätzen und Ofen, der alle 20 Minuten ein neues Holzscheit braucht. Die Verantwortung für die Heizung liegt in unseren Händen. Einer fängt schon mal mit Holz hacken an.
Der andere Raum hat vier Schlafplätze und eine offene Feuerstelle, gleichermaßen rauchig wie romantisch. Zwei Stunden nach Erlöschen des Feuers ist Innen- gleich Außentemperatur. Genau das brauchen wir für den Test unserer Schlafsäcke. Wir leihen uns je einen Overall. Andere brauchen noch Schuhe oder Schlafsäcke.
Die Führung geht weiter: Da ist noch die Sauna, das Freiluft WC getrennt nach Damen (hinter) und Herren (vor dem Busch) und die Grillkota, wo wir heute zu Abendessen werden. Hier muss auch noch angeheizt werden. Dann geht es zum Holzschuppen und zum Plumpsklo mit Styroporsitz – ein echter Luxus!
Es fehlen noch zwei Teilnehmer, also gibt es noch keine ausführliche Erklärung der Schlitten aber wir gehen schon mal in die Hundezwinger. Vorher bekommen wir eine kurze Einweisung: Malamuths sind sehr menschenfreundlich. Wenn sie mal knurren, dann ist der Vierbeinige Artgenosse und nie der Zweibeiner gemeint. Sie lassen sich anfassen und auch gerne streicheln und kraulen. Keiner Leckerlies mitbringen – sie beißen dann auch schon mal ein Loch in die Hosentasche, um dran zu kommen.
„Dann geht schon mal vor“, sagt Hendrik, „denn wenn ich als erster reingehe, springen alle mich an, und das mag ich nicht..“ Gut, dass wir genug Hundefans haben, die diesen Teil kaum abwarten konnten. In einen Käfig mit vier wildfremden Wauzis in Schäferhundgröße zu gehen verlangt mir schon etwas Überwindung ab.
Im Käfig springen die Hunde aufgeregt um uns herum. Beschnuppern uns, lassen sich streicheln und hören geduldig unseren Sprüchen zu. „Endlich mal wieder Neue! Abwechselung!“ Ich spüre ihre Freundlichkeit und die Hundeeuphorie erfasst mich ebenfalls. Wir gehen noch in zwei weitere Käfige – same procedure – aufgeregte Hunde und Hundefans im siebten Hundehimmel. Zum Abschluss besichtigen wir noch unseren morgigen Aufrüst- und Startplatz direkt am Fluss. Hendrik stimmt ein schönes Wolfsgeheul an und seine 30 Rudelgenossen aus den Zwingern antworten enthusiastisch.
Bis zum Abendessen sind wir mit Schlafsack ausrollen und heizen gut beschäftigt. Die fehlenden Gäste werden noch später eintreffen, da die Verbindungsstrecke wg. Unfalls gesperrt ist.
Es gibt Lachs mit Kartoffeln und Salat in der Grillkota. Hendrik fragt jeden nach seinen Erwartungen für die nächsten beiden Tage und erzählt aus seinem Leben und ein paar Schwänke von den Hunden: Mr. Bombastic – alias Wapascha – der Schneeankerausreißer. Die Hunde haben eine recht komplexe Sozialstruktur. Es verträgt sich nicht jeder mit jedem. Rüde und Rüde sowie Weibchen und Weibchen geht gar nicht, außer bei Geschwistern vielleicht. Vier in einem Käfig sind daher das Maximum. Beim Anspannen muss man auch die Verträglichkeiten im Rudel berücksichtigen. Der Ton unter den Hunden ist recht rau und ruppig.
Inzwischen sind auch die letzten beiden Teilnehmer eingetroffen. Ein Paar aus Berlin.
Morgen sollen wir gegen 9:30 soweit alles vorbereitet haben damit die Schlitten angespannt werden können. Mit Frühstück und allem drum und dran heißt das ab 07:00 Uhr aufstehen. Die Sonne lässt sich dagegen dafür noch zwei Stunden Zeit. Im Gegenzug ist es schon ab 16:00 Uhr stockfinster.
So
sind wir dann auch schon um 22:00 Uhr rechtschaffen müde. Im
Schlafsack kämpfe ich mit dem Patentdoppelreißverschluss
mit Patentwärmedämmung: Ein Stofffetzen wird immer
eingeklemmt. Ich bekomme das Ding nicht ganz zu. Dafür wird mir
und damit der Schlafsack schön warm. In Grönland muss das
besser klappen.
Oben zieht es in den Schlafsack kalt rein. Die Uhr sagt „Zeit zum Aufstehen“, die Blase ebenfalls. Der Restkörper sagt „Lieber nicht da, draußen ist es noch ungemütlicher als hier drin.“ Im Nachbarzimmer sind schon Aktivitäten vernehmbar. Die Blase gewinnt. Auch beim Öffnen macht der Schlaflackreißverschluss Zicken. Schnell in die noch kalte Wolljacke geschlüpft um den schlimmsten Erfrierungen vorzubeugen und dann ab zum Freiluft WC. Danach folgt der Kampf an der Feuerstelle. Dank Papier und Grillanzünder geht es einigermaßen Flott. Der Anblick der offenen Flammen erwärmt schon mal innerlich. Gut dass hier kein Thermometer hängt. Aus den anderen beiden Schlafsäcken gucken nicht mal die Nasenspitzen raus. Mal sehen, ob sich das mit steigender Temperatur ändert.
Im Nachbarzimmer sind schon ein paar mehr Leute munter. Es wird Tee gekocht und über die verschiedenen Varianten Beuteltee gefachsimpelt. Hier war es letzte Nacht so warm, dass einzelne ihren Schlafsack halb offen gelassen haben. Die Grundversorgung Box fürs Frühstück mit Müsli, Milch, O-Saft, Brot etc. hatten wir schon erhalten. Es soll ja „keiner hungern ohne zu frieren“. Mit roter Marmelade undefinierbarer Geschmacksrichtung aus der gamligen Fabrik, Wurst und Käsebroten stärken wir uns. Es werden Brote für die Mittagspause geschmiert und die Thermoskannen gefüllt.
Wir müssen noch unsere Sachen für die Tour zusammenpacken. Es war schon ein Kunststück den Schlafsack aus dem Beutel zu bekommen. Nun frage ich mich wie das Ding dort je hineingepasst haben kann. Aber mit etwas Gewalt geht das schon. Das größere Gepäck wird heute mit dem Defender Transportiert. Wir nehmen nur unseren Tagesrucksack mit. Der sich ausgezeichnet als Rückenpolster auf dem Schlitten bewähren wird.
Mit dem Anziehen des Overalls wird es dann auch schon halb zehn und so langsam ernst. Die Hunde bekommen ihre Powersuppe vor der Tour. Hendrik rührt genüsslich den Schlabberfraß durch und bemerkt mit Augenzwinkern, dass wir heute Abend das Gleiche (Chili con Carne) bekommen werden. Er füllt immer genau eine Portion für einen Käfig in einen Gummieimer und füllt mit Warmen Wasser auf. Dann geht er mit Eimer, Fressnäpfen und Kelle bewaffnet in den Käfig und füllt für jeden Hund einen Napf. Die Hunde fressen erst, nachdem er die Näpfe freigegeben hat. „Bei Euch würden sie das nicht machen...“ bemerkt er trocken. Die Hunde haben gelernt, dass auf diese Weise jeder seine Portion ohne Kampf bekommt. Das Wasser soll der Dehydrierung vorbeugen. Einige Individuen halten nichts davon und kippen als erstes den Napf um und schlabbern die Fleischbröckchen vom vereisten Boden. So werden nach und nach alle Hunde gefüttert.
Dann kommt die Stunde der Wahrheit. Hendrik fragt reihum nach dem Schlittengesamtgewicht. Anschließend teilt er die Hunde zu. Er gibt die Geschirre aus. Jedes Team sucht sich einen Schlitten aus. Wir montieren die Geschirre und dann muss der Schlitten die Böschung hinunter. Hinten auf den Kufen stehend ist das so eine Sache. Ich schaffe das ohne um zu kippen. Die Schlitten werden nacheinander ausgerichtet mit Sicherheitsabstand zum Vordermann. Dann müssen die Hunde geholt werden. Erst die Braven, die man ohne Aufsicht am verankerten Schlitten lassen kann. Dann die Wapaschas und die anderen Schneeankerausreißer. D.h. einer muss auf der Bremse stehen bleiben. Der erster Rutsch ist schnell vergeben. Für mich bleibt nur Mister Bombastisch übrig. „Traust Du Dir das fragt?“ fragt Hendrik und grinst. Ich verkralle wortlos meine Faust in Wapaschas Halsband und beschließe erst wieder loszulassen, wenn das Viech am Schlitten eingeschirrt ist. Wapascha ist erstaunlich brav er zieht ein bisschen alibimässig und röchelt theatralisch, macht aber nicht auf wild gewordenen Handfeger, wie ich erst befürchtet hatte. Aber das ist ja noch die Böschung, die wir zusammen hinunter müssen. Ganz vorsichtig läuft er den Berg runter. Kein Ruckeln und kein Ziehen. Ich vermute mal, es sind schon genug Touristen an dieser Stelle auf Hunde gefallen, die unartig waren, also ist der erfahrenen Malamuth lieber brav an dieser Stelle.
Als zweites darf ich noch eine Hündin runter führen. Sie versucht sich aus dem Klammergriff durch drehen heraus zu winden. Sie erwürgt sich dabei halb selber. Ich drehe einfach hinter her und dann wird das Spiel langweilig. Halbwegs zivilisiert geht es zum Schlitten.
Ganz geduldig lassen sich die Hunden die Geschirre anlegen. Ganz einfach ist das nicht. Schließlich müssen Kopf und Vorderpfoten durch. Auch eine Gruppe Snow-Scooter, die uns passiert, machen keinen Eindruck auf unsere Zugmaschinen.
Bis alle abfahrt bereit sind, versuchen wir unsere Gespann in Reihe zu halten durch lautes „Nach vorne!“ Rufen. Aber die wollen nicht hören sondern Laufen. Trotz beider Füße auf der Bremse macht der Schlitten kleine Sätze nach vorne. Dann ertönt von vorne da „Oke hopp hopp hopp“ und es gibt kein Halten mehr. Los geht die wilde Jagd. Die Hunde wollen laufen. Und ich habe den Eindruck, sie wollen uns jetzt mal so richtig zeigen, was sie drauf haben. Also geben sie voll Stoff ohne Rücksicht auf Verluste.
Ein Schlitten gleitet zwar, aber auch nur so gut wie es geht. Der Schnee hat auch hier noch nicht alle Schlaglöcher gefüllt. Auf den Kufen stehend kann man das etwas Abfedern. Im Schlitten sitzend, muss die Federung durch die mehrschichtige Thermokleidung reichen. Besonders spannend sind Straßenquerungen: Der kleine Graben davor und danach wird einfach überflogen.
Nach einem gefühlten Kilometer wird die Strecke und die Hunde gemütlicher. Es geht über große Flächen. Es könnten Seen, Sumpf oder Wiesen sein. Unsere Hunde wählen einen kleine Abzweig, der aber wieder auf den Pfad der anderen führt. Der Schnee ist halt höher und sie müssen mehr ziehen, aber, wenn sie es so wollen... . Sie traben locker vor sicher her.
An einem Stopp tauschen wir und ich lasse mich kutschieren. Es geht über Waldwege, offenes Gelände. Auf der rechten Seite taucht eine riesige Rentierherde auf. Ich warte drauf, dass die Hunde ihrem Jagdinstinkt entsprechende den Rentieren nachsetzen. Hendrik hatte so etwas angekündigt. Unsere Hunde sind heute brav. Sie hecheln den anderen hinter her. Die Landschaft ist winterlich schön. Wald und offene Flächen wechseln sich ab. Bei den vielen Zickzackfahrten habe ich langsam die Orientierung verloren. Naja, Hendrik und die Hunde wissen schon wohin es gehen wird.
Wir tauschen nochmals, das Gelände wird schwieriger. Zweimal kippt der Schlitten um. Zuviel Hubbel, Kurve und Speed. Aber außer Schnee auf den Klamotten passiert nichts.
Mittags vor dem Endspurt. Die Kombikäsewurststulle verdampft sofort. Wir halten entlang einer Mittelspannungsleitung. Um die Leitungsmasten ist niedriger Busch- und Baumbewuchs. Im weiteren Teil geht es bergauf.
Endspurt: Der Schlitten hoppelt über die Schlaglöcher und Baumstümpfe es geht rechts und links an den Masten vorbei. Einmal bleiben wir im Gestrüpp hängen. Ein anderes Mal fahren wir den kleinen morschen Baum einfach um. Dann kommt unser Chilkoot-Pass. Es geht fast senkrecht rauf. Passagiere müssen aussteigen. Rauf kommen wir aber dann kommt das Chaos. Unsere Hunde erzeugen eine rechtes Leinenmakramee. Hendrik enttüdeld das ganze, braucht aber auch mehrere Anläufe. Auf der anderen Seite geht es ebenso steil wieder runter. Mit einem Fuß auf der Bremse fahre ich den Rest der Strecke. Nach einer Weile sind wir wieder in der Ebene. Dann biegen die Hunde rechts ab in die Büsche zu unserem Nachtlager. Geschafft!!!
Wir sichern den Schlitten mit dem Anker an einem Bäumchen. Dann kommt ausführliches „Hunde Loben“. Brav haben sie gezogen unsere Wauzis. Zuspruch und Abendessen haben sie sich ehrlich verdient. Doch erst müssen sie noch an die Kette, die zwischen den Bäumen gespannt ist. Auch hier gilt: Die Nachbarn müssen sich vertragen. Es dauert eine Weile bis alle Hunden verteilt sind. Als nächstes hackt Hendrik das gefrorenen Futter für die Hunde in schnauzengerechte Portionen. Sie mögen es cross und frostig und fressen mit großem Appetit. Wir bringen nun Rentierfelle aus den Schlitten zum Trocken in die kleine Hütte, wo gerade der kleine Bollerofen angeheizt wird. Ein anderer Trupp holt Wasser aus dem Eisloch am Fluss und ich heize mit das Feuer in der Grillkota an. Da Tipi daneben bleibt heute kalt. Auch hier gibt es Plumpsklo mit Styroporsitz.
Wir genießen das Abendessen. Das Chili schaut fast wie das Hundefutter von heute morgen aus – aber den Mais täten die Hunde sicher liegenlassen. Dazu gibt es Toast mit „Liebe“. Anschließend wären wir schwedischen Glühwein an und Hendrik fragt uns nach unseren Interessen privat und beruflich Hintergrund. Es ist eine recht bunte Mischung. Die Stimmung ist locker und das Feuer in der Kota wärmt äußer- wie innerlich. Als die Hunde draußen mal wieder ein großes Geheul anstimmen, öffnet Hendrik kurz die Tür und brüllt: „Ist da jetzt mal endlich Ruhe draußen!“ und Oh Wunder die Hunde verstummen auf einen Schlag. Gegen 22:00 Uhr rollen wir uns in unsere Schlafsäcke ein. Hell wird es schon von alleine wieder werden.
Es lebe die Zentralheizung: Das Feuer in der Kota ist natürlich schon lange aus. Also heißt es wieder Anheizen. Holzscheite müssen auch wieder aufgefüllt werden. Draußen warten die Hunde geduldig auf ihre Kraftsuppe. Heute dürften wir füttern. Natürlich warten Sie nicht bis der Napf abgelegt ist. Da sie aber alle an der Kette liegen, können sie sich das Futter nicht gegenseitig streitig machen. Ich mache ein paar Fotos. Wir sind gestern gegen 15:30 Uhr eingelaufen. Sonnenuntergang war schon eine halbe Stunde vorher.
Vor dem Frühstück muss noch der Schlafsack verstaut werden. Dann gibt es Tee und Toast mit „Liebe“ und rote Marmelade aus der gammligen Fabrik. Stullen für unterwegs werden bereitet. Anschließend stapeln wir unser Gepäck an der Straße zum Rücktransport.
Jetzt kommt der anstrengende Teil: Die Hunde müssen wieder vor die Schlitten. Wir stellen die Schlitten wieder hintereinander auf. Dann kommen erst die braven ins Geschirr und zum Schluss die wilden Wauzis. Mir entwischt einer aus dem Zwinger. Er wird aber von den anderen eingefangen.
Dann geht es los. Wie bei jedem Start geben die Hunde gleich Vollgas. Es ist wie die „Kupplung schnalzen lassen“. Mit einem kleinen Satz setzt sich der Schlitten in Bewegung. Nach einer kleinen Steigung geht es auf eine Eisfläche. Die Hunde haben das Tempo auf ihre Reisegeschwindigkeit gedrosselt und wir hoppeln gemütlich über das krumplige Eis. Von Zeit zu Zeit feuern wir unsere Wauzis an. Sie sollen ja nicht denken, dass wir auf dem Schlitten erfroren sind. Es geht über Eisflächen, kleinere Hügel und Waldwege. Wir queren einige Straßen. Es ist eine Genussstrecke. Wir machen eine Pause, loben brav unsere Hunde und stärken uns ein wenig, während sich die Hunde mit Schnee fressen beschäftigen. Dann tauschen wir noch einmal die Plätzen und es geht weiter. Die letzten Kilometer sind die gleichen, wie die ersten am gestrigen Tag. Allerdings sind hier heute keine Rentiere unterwegs. Ganz zum Schluss wird es noch etwas holprig und zu guter Letzt muss der Schlitten noch den kleinen Abhang hoch – natürlich ohne Passagier. Die Hunde sind nicht zu bremsen. Unser Schlitten bleibt an einem Baum hängen als wir ihn frei haben, zischen sie die Böschung hinauf. Dann heißt es Schlitten sichern, Hunde loben und in die Zwinger verteilen.
Dann ist Hundefütterung und Feuer machen angesagt. Langsam klappt das Feuer machen ganz gut. Es wird auch der Ofen in der Sauna angeheizt. Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Der kleine Ofen macht ordentlich warm. Zum Abkühlen kann man mit frischem Flusswasser duschen oder sich mit Schnee abreiben. Das tut gut.
Zum Abendessen werden Steaks vom Rind und vom Ren gegrillt. Dazu gibt es Salat, Kartoffeln und leckere Soße und eine Schnaps aus dem Eisbecher zur Verdauung. Wir sprechen über unsere Erlebnisse der letzten beiden Tage. Alle haben ihren Spaß gehabt. Gegen 22:00 Uhr rollen wir uns in unsere Schlafsäcke ein. Diesmal klappt es mit den Reißverschlüssen schon ganz gut.
Die ersten beiden verlassen uns schon um 06:00 Uhr in der Früh. Ich höre ein paar Geräusche und ein abfahrendes Auto. Irgendwann meldet sich meine Blase und es ist auch schon etwas hell. Das Feuer machen ist heute etwas schwieriger als sonst: Kaum Papier, wenig Brandbeschleuniger und zu große Holzprügel sind eine echte Herausforderung. Doch irgendwann knistert und flackert es doch einigermaßen Zuverlässig. Jetzt heißt es nur noch Nachlegen. Auch der Bullerofen im Nachbarzimmer muckt heute etwas auf. Frühstücken, Spülen, Zusammenpacken und noch von den Hunden verabschieden. Dann heißt das Gepäck auf den Anhänger laden und in den Defender quetschen.
Unser Fahrer ist diesmal ein echter Hamburger. Daher gibt es mehr Unterhaltung als auf der Hinfahrt. Wir lernen so einiges über Schweden im Allgemeinen und Särna im speziellen. Positiv ausgedrückt: Ein extrem ruhige Gegend....
Die Bushaltestelle erreichen wir pünktlich. Der Bus – es sind zwei Busse - kommt mit zehn Minuten Verspätung an. Da unser Flieger 50 Minuten eher startet als, wie bisher gedacht haben, wird es spannend. Die anderen vier bleiben noch einen Tag in Oslo und steigen in den ersten recht vollen Bus ein. Wir nehmen den zweiten Bus. Bis zur Autobahn gestaltet sich die Fahr recht zäh. Es geht langsam voran und die Verspätung wird nicht weniger. Nach spannenden zweieinhalb Stunden sind wir dann doch noch pünktlich am Flughafen. Dank Wifi im Bus haben wir schon eingecheckt. Es muss also nur noch der Koffer aufgegeben werden und die Schlange in der Sicherheitskontrolle überwunden werden. So gehen denn ein paar schöne Tage zu Ende.