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09.02.2008 Québec - Karneval und Umzug

Draußen in der Frühe tutet ein Nebelhorn. Dicke Suppe hängt über dem St. Lorenz. Ich drehe mich nochmal um. Später ist strahlender Sonnenschein, also bestes Wetter für das Karnevalgelände. Wir gehen erstmal auf die Südseite der Terrasse des Hotels. Der Blick über den St. Lorenz ist gigantisch und unfotografierbar. Vor dem Chateau endet die Rutschbahn des Tobogan. Bretter mit Polstern auf denen man den Berg hinunterschlittern kann.

Wir marschieren stadteinwärts gen Frühstück. Unterwegs verkündet ein Schild über einer Garageneinfahrt "Parking 5 C la minute" - da sage noch einer Parken in München sei teuer. Vor einer Creperie stehen die Leute draussen Schlange. Ein Laden mit Waffeln und Bagels hat noch viele Plätze frei. Die Waffeln riechen gut. Der Kaffee hat die lokale Dünne. Dann geht es zum Festivalgelände.

Am Eispalast ist eine lange Schlange - gut, dass wir gestern schon da waren. Auf der anderen Seite des Palastes ist gerade eine Trommlertruppe auf der Bühne. Wir hören eine Weile zu. Mit einem Mal ist großes Gedränge in Richtung Straße: Bonhomme Carnaval bahnt sich seinen Weg durch die Menge. Er versäumt es nicht den kleineren Besuchern seine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die einen freuen sich, andere reagieren etwas verstört.

Die Schneeskulpturen auf dem Festivalgelände sind immer noch im werden. Interessant sind die Werkzeuge der Künstler: Ein Brettchen mit Griff auf der einen Seite und Nägeln auf der anderen als Raspel. Den selben Zweck erfüllt eine Latte, die bis auf eine Hand breit Griff an einem Ende mit Hasendraht umwickelt ist. Irgendwo gibt es Getränke in echten Eisbechern. Wir gehen weiter und kommen ans Ende der Snow-Rafting Strecke. Es gibt drei Bahnen, zwei für runde Schlauchboote, eine für die klassische Form. Die runde Variante dreht sich beim abwärts Rutschen.

Wir gehen weiter zum Hunde-Geschicklichkeitswettbewerb. Die Frauchen und Herrchen laufen gerade die Strecke ab und dann gehts los: Es gilt über zwei Hindernisse zu springen, eine Rampe zu überklettern, dann kommt ein Hindernis, ein Tunnel, eine Slalom-Strecke noch ein Hindernis und ein Tunnel, dann nochmal der Slalom und der erste Tunnel und ein Schlussspurt über drei Hindernisse. Die Königsdisziplin ist der Slalom: Es muss auf der richtigen Seite gestartet werden und kein Tor darf ausgelaasen werden. Die Stangen stehen etwa einen halben Meter auseinander in einer Linie. Hier gibt es am meisten zu Lachen. Manche Hunde brauchen drei oder vier Versuche. Ein Mops setzt sich daneben und macht lieber sein Häufchen. Der Champion wuselt in nullkommanix durch. Der Zweitschnellste an dieser Stelle - ein Rottweiler - schlängelt sich um zwei Stangen zugleich. Insgesamt scheint es Hund und Halter Spaß zu machen.

Langsam knurrt der Magen. Wir entscheiden uns für eine Kellerpizzeria. Die Pizza ist gut und schön knusprig. Nicht das übliche Pizzahut Zeugs.

Am Abend ist der große Karnevalsumzug. Wir lassen uns vom Hotel aus mit dem Bus hinchauffieren. Die Parade findet irgendwo ausserhalb statt. Unterwegs gibt es noch etwas Sightseeing und franco-kanadische Geschichte. Inzwischen sind wir irgendwo in der Vorstadt. Im Zentrum lädt man den Schnee auf LKWs und schafft ihn irgendwo hin. Hier wird er in die Vorgärten geschaufelt. Man sieht deutlich, das einige Häuser nur noch über die Garage zugänglich sind. Im Hauseingang liegen über 1,5 m Schnee. Es wird gefragt, ob das bis Juli liegen bleibt. Die Reiseleiterin versichert, dass es im April schnell warm werde und im Mai sei alles wieder grün. Wir werden am Startpunkt der Parade abgesetzt.

Wir erklimmen einen Schneehaufen an einer Straßenkreuzung. Die Sicht Richtung Zug ist gut, der Platz ist knapp und heiß umkämpft: es gibt noch freie Stellen, aber die sind so steil, dass man beim besten Willen dort keine zwei Minuten stehen kann. Steigeisen wären nicht schlecht. Von unten kann man das leider nicht so gut erkennen. So drängen immer wieder Leute nach oben auf der Suche nach einem Platz. Auf der Straße wird noch ein Gestell mit einem Brett aufgebaut, das schnell mit einem dutzend Kindern gefüllt wird. Hoffentlich werden die nicht bei Ende des Zuges überrannt. Inzwischen ist die Startzeit des Zuges - 19:00 Uhr - schon um. Ein einsamer Schneepflug fährt die Strecke ab. Dann kommt eine Staffette Polizei-kräder mit voller Einsatzbeleuchtung. Dann kommt wieder erstmal nix. Meine Standfläche schmilzt in Folge vergeblicher Kletterreien dahin. Ob ich das Ende des Zuges von hier oben sehen werde? Es kommen wieder ein paar Schneepflüge durch. Dann kommt ein Kleinstlaster im Goggoformat mit einem Mann in einem weißen Biberkostüm Mütze und Hemd. Er macht unten ein paar Faxen um die Menge bei Laune zu halten. Dann kommt ein Polizeiwagen in voller Festbeleuchtung und dann ein LKW einer Molkerei die Milchtüten statt Kamelle verteilen. Wie soll da Stimmung aufkommen? Endlich taucht der erste Wagen auf. Es sind Papierrollen mit technisch anmutenden Zeichnungen begleitet von Menschen mit Bauhelmen mit Röhren dran und überdimensionalen Zollstöcken und Maßbändern. Ist das der Wagen der Klempnerinnung? Die Musik mit eingebauter Diskobeleuchtung fährt auf einem Gabelstapler hinterher. Auf dem nächsten Wagen versucht ein Herr in Fantasiekostüm Stimmung zu machen. Aber entweder fehlt das Temperament, die Temperatur oder der Karnevalsschlachtruf - Quebec Alaaf z. B. Hin und wieder werden die roten und blauen Tröten eingesetzt, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt. An zwei fahrbaren Minikränen hängt jeweils eine überdimensional Marionette. Leider sehen wir die nur von hinten. Es folgen eine Reihe Fantasiewagen und eine Abteilung zum Thema 400 Jahre Quebec. Den Abschluss macht Bonhomme Carnaval.

Wir versuchen asap den Schneehaufen zu räumen, bevor uns die Masse der Nachrückenden den Berg hinunter schiebt. Am besten geht rutschen. Die mögliche Bildzeitungsschlagzeile "Deutsche beim Karneval in Quebec zu Tode getrampelt" motiviert zusätzlich. Heil erreichen wir den Bus und stauen uns zurück in Richung Hotel. An der Bar nehmen wir noch ein "gute Nacht Glas". Draußen schneit es inzwischen heftig. Der Karneval in der heutigen Form gibt es erst seit 1955. Zur französischer Zeit wurde gefeiert unter den Briten allerdings nicht.

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